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241

Sunday, October 7th 2018, 2:57pm

Hallo Martin,

danke für DIESEN Beitrag - Hammerbrief in jeder Beziehung.

Per Rötel wurden 30x und 14x in 44x addiert - also auch hier kein Extrageld für poste restante, wenn sie es in Coburg überhaupt gesehen haben sollten ... aber auch kein Bestellgeld, wobei ich mir kaum vorstellen kann, dass der gedachte Empfänger dort ein Postfach gehabt haben soll.

Danke fürs Zeigen dieser Bombe. :P :P :P
Liebe Grüsse vom Ralph

Niemals bin ich weniger müßig, als in meinen Mußestunden. Und niemals weniger einsam, als wenn ich allein bin. Publius Cornelius Scipio "Africanus"

TAXIS107

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242

Monday, October 8th 2018, 9:55am

Poste restante TT

Hallo Ralph, hier mal ein spezieller Brief aus dem Taxisgebiet mit dem einen Kreuzer Lagergeühr, der Rest . . .
das erörtere ich noch.
Gruß Taxis 107 ;)
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243

Monday, October 8th 2018, 1:52pm

Hallo Heinrich,

toller Brief - aber auch hier 1x Bestellgeld, trotz poste restante ...
Liebe Grüsse vom Ralph

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TAXIS107

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244

Tuesday, October 9th 2018, 5:44am

Hallo Ralph, das ist kein Bestellgeld, sondern die "Lagergebühr" für den Brief. Dies mußte der Empfänger bei der Abholung entrichten. Eine Bestellung konnte nicht erfolgen.

Hier nun etwas Hintergrund zu dem Brieflein:

Pfarrer Heberer erhielt 1859 den Besuch seiner Schwester und deren Ehegatten. Auf der Rückreise verweilte man für einige Tage in Rödelheim. Von dort schrieb des Pfarrers Schwester diesen Brief, der „postlagernd“ nach Reichelsheim adressiert war an den lieben Bruder.
Portofreiheit galt für Bedienstete der thurn- und taxisschen Post, so auch für die bei der Rödelheimer Post beschäftigten Personen. Absender des Briefes (geht aus dem Inhalt hervor) ist die Schwester des in der Anschrift angegebenen Pfarrers Heberer, der in Heuchelheim in der Wetterau lebte. Seine Schwester war zuvor beim Rödelheimer Postexpeditor Wilhelm Brill einige Zeit als Haushaltshilfe beschäftigt.
Der Brief wurde mit dem Siegel des Posthalters Wilhelm Brill (WB) verschlossen. Unter „f = 0” ist der Name des bei der Rödelheimer Postexpedition beschäftigten Mitarbeiters „W. Stein” angegeben. Hierbei handelt es sich um den Tatbestand der Portohinterziehung. Eigentlich mußten für diesen Brief 5 Kreuzer als reguläre Gebühr (3 Kreuzer Taxe + 2 Kreuzer Landbestellgeld) entrichtet werden. Dies wurde durch die „spezielle Behandlung“ in Rödelheim unterbunden, da man der Heberer-Schwester einen Gefallen getan hat und den Brief als portofreie Dienstpost in den Postverkehr einschleußte. Dazu noch die bewußte Umgehung der Landpostzustellgebühr, in dem man das Werk als „poste restante“ in Reichelsheim behandeln mußte. Der Herr Pfarrer Heberer ging daher einige Tage nach der Abreise seiner Schwester ins ausländische nassauische Reichelsheim und holte den an ihn adressierten, dort lagernden Brief gegen Erstattung der Lager-Gebühr von einem Kreuzer ab.

Einige Jahre später beging man im Herzogtum Nassau das 25jährige Dienstjubliäum des Regierenden Herzogs. Dazu wurden die nassauischen Orte aufgefordert ihre Huldigungsbeiträge zu leisten. Das betreffende lokale Comitè für die Jubiläumsfeierlichkeiten in Reichelsheim hatte sich für einen feierlichen Gottesdienst in dieser Sache entschieden. Damit hatten sich die dafür Verantwortlichen der kleinen Stadt aber ein Problem geschaffen, denn in diesem Ort war die Pfarrerstelle seit einiger Zeit vakant und so bat man den im Nachbarort tätigen evangelischen Pfarrer Heberer aus Heuchelheim, den Gottesdienst zur Jubelfeierlichkeit des nassauischen Landesfürsten mit dem kirchlichen Segen zu begleiten.
Dies gefiel dem Herrn Pfarrer Heberer aber nicht und er mußte gar nicht lange nach einer Ausrede für eine Absage suchen. Der heutige Stadtteil Heuchelheim wurde erst im Zuge der hessischen Gebietsreform anfangs der 1970er Jahre aus dem seit 1874 bestehenden Landkreis Büdingen (zuvor Nidda) ausgekreist und der Nachbarstadt Reichelsheim im damaligen Landkreis Friedberg zugeschlagen.
1864 lag Heuchelheim zwar nur einige Schritte von Reichelsheim entfernt gelegen, aber eben politisch gehörte der kleine Ort einem ganz anderen Staat an, dem Großherzogtum Hessen. Der zuständige Postort für Heuchelheim war Echzell, zu dessen Landbestellgang das kleine Heuchelheim zählte. Pfarrer Heberer hatte keine Lust und verwies darauf, daß er ja „Ausländer“ sei und daher aus diesem Grunde nicht den Jubiläums-Gottesdienst im naussauischen Reichelsheim abhalten könne.
Und so vereinigten sich lokale Interessen und die verschiedenen Landesinteressen zu einer Lokalposse, die in Bayern bestimmt Ludwig Thoma damals als Stoff für eine Komödie hätte aufbereiten können . . . Halt ähnlich wie die Fernsehserie über das Königlich Bayerische Amtsgericht!

Gruß Taxis 107 :)
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245

Tuesday, October 9th 2018, 6:37am

Lieber Heinrich,

das ist natürlich eine ganz tolle Geschichte hinter deinem Beleg und wenn bei TT die Lagergebühr nur 1 Kreuzer betrug, erklärte das natürlich alles und so freue ich mich, von dir dazu gelernt zu haben und werde meine eigenen Texte zu Briefen p. r. nach Taxis entsprechend modifizieren.

Nochmals danke dafür!
Liebe Grüsse vom Ralph

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246

Tuesday, October 9th 2018, 6:45am

Hallo zusammen,
.
dann auch von meiner Seite recht herzlichen Dank an TAXIS107 für die illustre Erläuterung des Lagerkreuzers. Das ist doch mal wieder ein Erkenntnisgewinn vom Allerfeisten.
.

+ Gruß !
.

vom Pälzer :thumbup:

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247

Tuesday, October 9th 2018, 8:47am

In der Postordnung von 1857 wird natürlich nicht von einem Lagergeld oder einer Lagergebühr geschrieben, man verwendete einfach den alten bekannten Begriff "Bestellgeld". De facto ist es aber ein "Lagergeld", denn das Brieflein wird ja für einen gewisse Zeit aufgehoben und eingelagert, bevor es abgeholt wird. Wenn nicht, dann wurde es nach der Lagerzeit auf Kosten des Absenders wieder zurückgesendet. Ich habe die Texte der Verordnung aus dem großherzogl. Regierungsblatt von 1857 gescannt und angehängt.
Das ist halt das gewisse etwas, grade bei Thurn und Taxis, die haben nicht viel verordnet, sondern viel kassiert. Schließlich betrieb man ein privates Postunternehmen, man war quasi unserer Zeit der "Privatisierung" damals schon weit voraus. Zumindest, was das abkassieren betroffen hat . . .
Gruß Taxis 107 ;)
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Tuesday, October 9th 2018, 8:48am

Teil 2
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249

Tuesday, October 9th 2018, 8:51am

Teil 3.

Bei TT immer dran denken, die wollten Geld verdienen . . . und nicht die Menschheit beglücken!
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250

Tuesday, October 9th 2018, 9:55am

Hallo TAXIS107,
.
wirklich außerordentlich interessant ! 6 Gulden p.a. für ein Gefach und nochmal 3 Gulden p.a. für eine verschlossene Einlage...das ist dafür, dass on top noch pro Sendung 1 Kreuzer "Lagergeld" verlangt worden ist schon ein strammer Preis. Also ganz klar:.
.
Bei TT immer dran denken, die wollten Geld verdienen . . . und nicht die Menschheit beglücken!

:thumbsup:

Nebenbei habe ich die einschlägigen Regelgungen aus Württemberg aus dem Jahre 1841 finden können:

https://books.google.de/books?id=yzU_AQA…%20Post&f=false
.

Man könnte zum Thema "Gefach" evtl. mal einen eigenen thread eröffnen
.
+ Gruß !
vom Pälzer

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251

Tuesday, October 9th 2018, 11:50am

Lieber Heinrich,

sehr schön - topp Job. :P

Galt das auch für Sendungen in die Hansestädte? Wie hoch war diese Gebühr im Groschenbezirk?
Liebe Grüsse vom Ralph

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252

Wednesday, October 10th 2018, 9:58am

TT und Poste restante

Lethaus/Schenk haben das Prozedere wie folgt beschrieben: Postlagernde Briefe.
Es konnten auch normale Briefe unter Chiffre versandt werden, rekommandierte Briefe und Fahrpostsendungen mußten jedoch die normale Anschrift tragen.
Die Abholgebühr bei Briefsendungen entsprechend der Ortsbestellgebühr: 1 xr / bzw. 1/4 Sgr.
Die Poste restante-Gebühren entfielen für Briefe wie die Ortsbestellgebühren für Drucksachen am 1.1.1865, für frankierte Briefsendungen am 1.1.1866 und für unfrankierte Briefe am 1.1.1867.
Poste restante für Fahrpostsendungen kosteten an Lagergebühr 3 xr bzw. 1 Sgr.
Am 1.1.1867 entfielen auch die Gefachgebühren.

Gruß Taxis 107 :)
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Wednesday, October 10th 2018, 11:44am

Lieber Heinrich,

vielen Dank!
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