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1870/71

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Thursday, February 15th 2018, 8:58am

Korrespondenz französischer Kriegsgefangener

Liebe Sammlerfreunde,

anbei eine norddeutsche Korrespondenzkarte, die am 19. August 1870 im Kölner Bahnhof aufgegeben und nach Marseilles adressiert worden war.

Der Vermerk oben rechts "fr l ord 7/8" (= frei laut ordre vom 7. August 1870) und der schwarz abgeschlagene Franchisestempel KÖNIGL. PREUSS. ETAPP. COMM. weisen auf einen französischen Kriegsgefangenen hin.

Obschon mir weitere sieben in Köln aufgegebene Gefangenenbriefe bekannt sind, bestand in Köln kein Gefangenenlager.

Ich zitiere aus "Rechtsrheinisches Köln, Jahrbuch für Geschichte und Landeskunde Band 26, Köln 2000":

Auch in der Kölner Region entstanden einige Kriegsgefangenenlager. So gab es auf dem Pionierübungsplatz
nördlich von Deutz ein Lager für 1500 Mann, und Ende 1870 wurde beim Gremberger Wäldchen ein weiteres
Lager für 7000 Kriegsgefangene errichtet; außerdem gab es bei Kalk ein Lazarett. Das größte Lager in der
Nähe von Köln wurde auf dem Artillerieschießplatz in der Wahner Heide angelegt ... Anfang Dezember 1870
wurden 3000 Gefangene in das neue Lager beim Gremberger Wäldchen verlegt ..."

Auf der Kartenrückseite ist u.a. zu lesen "nous rentrons à France par la Belgique".
Möglicherweise war der Absender ein Offizier, der nach Ablieferung seiner kriegsgefangenen Mannschaft gegen Ehrenwort seine Heimreise in Aussicht stellte. Wer hat eine andere Erklärung?

Gruß
1870/71
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Thursday, February 15th 2018, 9:27am

Lieber Rudolf,

Gratulation zu der Rosine - mit deiner These könntest du recht haben; oder es war ganz anders. So viele Stücke wie du kenne ich da gar nicht, von daher muss eine quantitative Aussage von mir unterbleiben.

Ich frage mich, woher ein gewöhnlicher Soldat wissen konnte/sollte, dass es retour über Belgien ging?
Liebe Grüsse vom Ralph

Niemals bin ich weniger müßig, als in meinen Mußestunden. Und niemals weniger einsam, als wenn ich allein bin. Publius Cornelius Scipio "Africanus"

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Sunday, February 18th 2018, 8:19pm

Lieber Ralph,

offensichtlich ist bei der vorgestellten Karte niemanden aufgefallen, dass die Mitte Juni 1870 im Norddeutschen Bund eingeführten Korrespondenzkarten nicht im Verkehr mit dem Ausland zugelassen waren. In Frankreich war man vermutlich bei einem Kriegsgefangenen großzügig und hat die Karte durchgehen lassen.

Erst ab 1. Januar 1871 waren der Kartenversand in einige Länder zulässig (siehe Anhang).

Gruß
Rudolf
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Monday, February 19th 2018, 8:03am

Lieber Rudolf,

das wusste ich noch nicht - danke für die Erklärung der Seltenheit.

Aber Köln hatte P.D. gestempelt - dann durfte Frankreich nicht nachtaxieren und wollte es wohl auch nicht. Vlt. glaubte man zu diesem Zeitpunkt noch, dass man den Krieg gewinnen würde? Da wäre es doch schäbisch gewesen, die Familie eines Soldaten mit eigenem Porto zu belasten ...
Liebe Grüsse vom Ralph

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Monday, February 19th 2018, 9:24am

Lieber Ralph,

der "PD"-Stempel wurde beim französischen Transit-Postamt 3 gestempelt. Ich vermute, dieses befand sich bis zur Einschließung von Paris auf dem Kurs ERQUELINES-PARIS.

Viele Grüße
Rudolf

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Monday, February 19th 2018, 9:47am

Lieber Rudolf,

vlt. hätte ich mir deine Karte wieder anschauen sollen, ehe ich etwas zu ihr poste ... Klar, ist ein franz. P.D. - Stempel. Trotzdem klasse. :P :P
Liebe Grüsse vom Ralph

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Tuesday, July 24th 2018, 9:37pm

Hallo Rudolf, hallo Ralf,

klein aber fein, ein interessanter Beleg. Ich bin ueber den Wikipedia Artikel "Geschichte der Postkarte" gestolpert, weiss nicht wie sicher die Info dort ist. Aber:

"Während des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 gab es die erste Verwendung von Postkarten in größerem Umfang. Nachdem für die mobilen Truppen ab 17. Juli 1870 Portofreiheit gegolten hatten, wurden bis Dezember 1870 rund 10 Millionen „Feldpost-Correspondenzkarten“ in die Heimat verschickt".

Nun, es ist keine Feldpostkarte und wurde auch sinngemaess nicht in die deutsche Heimat gesendet, aber bei diesen Zahlen ist eine Postkarte vielleicht kein Fremdkoerper im Briefberg.
Geregelt wurde der Verkehr dann halt erst ab 1. Januar 1871.

Interessante waere vielleicht zu erwaehnen dass es im August 1870 in Marseille scheinbar hoch herging, mit Rivolten und so.
https://fr.wikipedia.org/wiki/Commune_de_Marseille

Vielleicht war die Karte nicht einfach nur ein Kriegsgefangenenschreiben, sondern betraf auch die politischen Unruhen? Ich habe leider nichts ueber den Adressenten herausfinden koennen, aber es waere sicher interessant (und klaerend). Vielleicht gab es einen Comte de La Poeze (wenn der erste Buchstabe kein T sondern ein P ist).

Viele Gruesse
Andreas