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Monday, August 21st 2017, 7:51pm

Express bis 1847 in Bayern

Liebe Freunde,

von ganz wenigen Korrespondenzen abgesehen, die per se nicht gerade Wühlkistenformat haben, sind mit eigenen Boten bestellte Briefe des Königreichs Bayern (Expressbriefe) bis 1847, als der Expressdienst normiert wurde, nicht gerade häufig.

Heute zeige ich einen Brief aus Günzburg vom 11.1.1843 an:

Seine Wohlgebohren dem Herrn Thomas Schuegraf Patrimonial Richter Dachau Haßlangkreit Aichach bei München vertatur

Er wurde mit 6 Kr. als Portobrief über 12 - 18 Meilen nach dem Reglement vom 1.1.1843 taxiert.

Er zeigt einen Präsentationsvermerk, wie er bei Briefen aus dieser Zeit unüblich war und ist, jedoch keine weiteren Stempel, wie es die Vorschrift war. Wir lesen: Praes(entirt) am 16te Januar 1843.

Des weiteren vermerkte eine andere Hand hinten: Befindet sich nunmehr in Haslangkreit bei Aichach - sicher ein Vermerk aus Dachau, wohin der Brief zuerst spediert worden war.

Haslangkreit hatte zum Zeitpunkt des Briefes ca. 300 Einwohner und somit keine Post - diese kam wohl erst viel später, denn gefunden habe ich in meinen Unterlagen und im Netz hierüber gar nichts.

Interessant ist aber in dem Zusammenhang der Vermerk oberhalb des Siegels mit Bleistift, also sicher kein postalischer, da Bleistiftgebrauch nicht gestattet war: Mathias Lechner Uhrmacher in Fridberg B. Eilbote 3 f 52 x.

Inhalt hat der Brief leider keinen mehr, aber die Datierung ist gesichert und 4 Hände auf einem Inlandsbrief muss man auch erst einmal nachweisen können.

Mir scheint, dass der Empfänger für den Brief tatsächlich 3 Gulden 52 Kreuzer (abzüglich 6 Kr. für die Post) an einen Eilboten bezahlt hat, obwohl die Entfernung von ca. 8 - 9 km nicht gerade riesig war. Auf der anderen Seite: Wer wollte es machen im kalten Januar des Jahres 1843?
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Liebe Grüsse vom Ralph

Niemals bin ich weniger müßig, als in meinen Mußestunden. Und niemals weniger einsam, als wenn ich allein bin. Publius Cornelius Scipio "Africanus"

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2

Monday, August 21st 2017, 8:39pm

lieber Ralph,
das war aber trotzdem ein stolzer Botenlohn.
viele Grüße
Erwin W.

3

Monday, August 21st 2017, 11:35pm

Lieber Ralph,
eventuell ist ein B. Eilbote Zeitschrift gemeint.
LG A
"Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben."
W. v Humboldt

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Tuesday, August 22nd 2017, 6:16am

Liebe Freunde,

ja, ein sehr stolzer Lohn - 4x für ein Mittagessen, das relativiert vieles.

B. kann auch die Abkürzung eines Eilboten sein - ich fürchte, wir werden es nie heraus finden, obwohl ich noch einen zweiten Brief an den Empfänger schnappen konnte - leider ohne Eilboten.
Liebe Grüsse vom Ralph

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Tuesday, August 22nd 2017, 3:53pm

Liebe Freunde,

wie versprochen, hier der 2. hinterher (dachte der Empfänger hieß Schulgraf, aber der liebe @Luitpold hat mich eines besseren belehrt und eine Primärquelle aufgetan, wonach er tatsächlich Schuegraf hieß - danke dafür.

Geschrieben in Harburg/Bayern am 23.10.1843, an den Herrn Oberschreiber Schulgraf am Landgericht Dachau franco, jedoch auch jetzt umgeleitet und siegelseitig notiert: Patrimonialrichter in Haslangkreuth bei Aichach.

Die 4 Kr. blieben stehen, da der Brief nicht ausgeliefert wurde (er war ja auch kein Schreiber!) und nur die Vorderseite mit "vertatur", also bitte drehen, beschriftet, unter Streichung von Dachau natürlich. Da hätte ich jetzt glatt eine Hinzufügung des richtigen Ortsnamens vorne erwartet ...

Der Inhalt ist eine frühe Variante der Reihe "Pleiten, Pech und Pannen" - wers lesen möchte, darfs gerne tun. Makaber bis lustig, wenn man so will.
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Wednesday, May 16th 2018, 2:29pm

Liebe Freunde,

die Interpretation des folgenden Briefes ist gegeben und ich will meine darlegen:

Geschrieben in Martinskirchen bei Eggenfelden, war er an Weigert, k. Schullehrer in Mariaposching unweit Plattling gerichtet, ca. 40 km in gerader Linie. Die Aufgabepost taxierte ihn mit 4 Kreuzern Porto.

Es versteht sich von selbst, dass weder Martinskirchen (400 Einwohner), noch Mariaposching (900 Einwohner) damals eine eigene Post besaßen. Der Vermerk "dringend" ist auch auf den meisten Briefen nicht für eine Expresszustellung verwendet worden, sondern sollte nur die schleunige Beförderung durch die Post anmahnen.

Aber wir haben vorne oben rechts einen Präsentationsvermerk: "präs. den 27ten Dezbr. 1844" und das deutet m. E. darauf hin, dass der Brief dem Empfänger in Mariaposching doch individuell zugestellt wurde.

Links oben steht noch: "Beilage A", was auch im inneren des Briefes vermerkt wurde. Tatsächlich drohte der Absender dem Empfänger den Gang vors Gericht an, wenn dieser nicht für die Nachhilfestunden aufkommen sollte, wogegen sich dieser wohl weigerte. Die Fristsetzung ist auch gegeben, so dass es schon Gründe gab, ihn dringend erscheinen zu lassen.
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