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mikrokern

Experte

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521

Tuesday, March 20th 2018, 2:14pm

Hallo Pälzer,
mir ist diesbezüglich nichts bekannt. Müsste dann aber im nicht-postalischen zu suchen sein, da SB-Stempel als Truppenstempel nicht über Postverordnungen, sondern allenfalls über militärische Dienstvorschriften geregelt waren. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass das die Regimenter Mitte des 19. Jhdts - in Absenz entsprechender Anordnungen - individuell gehandhabt haben, wie auch das Aussehen der Stempel sehr unterschiedlich ausfallen konnte...
Beste Grüsse vom
µkern

1870/71

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522

Thursday, March 22nd 2018, 7:57am

Hallo Pälzer,

SB-Stempel gehörten zur Ausstattung der Regimenter, Bataillone, etc. und wurden von Kriegsbeginn an verwendet.
Sie dienten dem "Schutz vor Mißbrauch der Feldpost-Brief-Eigenschaft. Offensichtlich nahm nach Kriegsende die
Aufgabe von Postsendungen ohne Anspruch auf Portofreiheit zu, sodaß das General-Post-Amt am 12. April 1871 den
Einsatz von SB-Stempeln bei Sendungen von Militärs und Militärbeamten geringeren Grades anmahnte.

Gruß
1870/71

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523

Saturday, April 14th 2018, 11:07am

Liebe Freunde,

aus der Lameng kaufte ich diesen Brief, weil er mir gefiel und ich Briefe dergleichen noch bisher kaum einmal gesehen habe. Aber ich benötige hier Hilfe, weil ich a) den Inhalt nicht lesen kann und b) mich die Tarifstruktur interessiert.

Zuerst einmal stammt der Brief vom 20.10.1870 aus Essonnes, wohl einem Ort südlich von Paris und wie mir erinnerlich ist, sollen die Bayern im Süden von Paris gestanden haben.

Der Brief - oh Wunder! - ist aber gar nicht verschlossen, sondern völlig ohne Verschluß und Siegel spediert worden. Abgestempelt wurde er vom K. B. Feldpostrelais I und gerichtet war er an Madame Deloche de Noyelle, Place Turenne, Sedan (Ardennes). Gekostet hatte er 25 Centimes (sollte franz. Porto sein, keines der besetzten Gebiete, wie man es sonst erwarten könnte, oder?). Bei wem verblieben diese 25 Centimes?

Wer mir obige Fragen beantworten kann, ich sicher ein Kenner dieses Gebietes - schon jetzt danke dafür. :)
bayern klassisch has attached the following images:
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Liebe Grüsse vom Ralph

Niemals bin ich weniger müßig, als in meinen Mußestunden. Und niemals weniger einsam, als wenn ich allein bin. Publius Cornelius Scipio "Africanus"

524

Saturday, April 14th 2018, 1:20pm

Hallo bk,

der Administrator der Posten in den besetzten französischen Gebieten, Oberpostdirektor Dr. Rosshirt verfügte per Circular Nr. 1 von Nancy aus am 10. September 1870 den Tarif für die Correspondenz im Inneren der besetzten französischen Gebiete, sowie im Verkehr zwischen diesen Gebieten einerseits und dem NDB, Bayern, Württemberg und Baden andererseits.

Gemäß Art. 1 Abs. 1 dieses Circulars kostete der gewöhnliche Brief (nicht über 15 Gramm) 10 Centimes und nach Art. 2 fiel für den unfrankierten Brief ein vom Gewicht unabhängiger Portozuschlag von 15 Centimes hinzu. Die sich somit ergebenden 25 Centimes waren entsprechend beim Empfänger zu erheben.

Bereits mit Bekanntmachung vom 9. September 1870 hatte das Oberkommando den Einwohnern von Nancy das Aufgeben offener Briefe nach Deutschland und Frankreich zum o.g. Tarif gestattet, wovon die französische Bevölkerung regen Gebrauch machte. Auch diese Bekanntmachung erfolgte durch Oberpostdirektor Dr. Rosshirt.

Das der 3. Armee unterstellte II. Bayerische Korps unter General Jakob von Hartmann hatte bereits am 10. September 1870 die Seine bei Corbeil-Essonnes 29 km südlich von Paris überschritten und dort die Eisenbahnstrecke nach Orleans unterbrochen. Während das I. Bayerische Korps weiter Richtung Orleans und gegen die neu gebildete französische Loirearmee zog, blieb das II. Bayerische Korps vor Paris, das dann ja ab 19. September 1870 vollständig eingeschlossen war.

Das Feldpostamt der 3. Armee stand ab 21. September 1870 in Versailles und in ständiger Verbindung zum Etappen-Hauptort Corbeil, wo ich vermute, dass zum Zeitpunkt der Briefaufgabe (20. Oktober 1870) dort auch der Standort des Königlich Bayerischen Feldpostrelais I. gelegen haben müsste.

+ Gruß

vom Pälzer

verwendete Quellen:

Spalik, Friedrich: Die postalischen Dienstleistungen und deren Gebühren in den besetzten französischen Gebieten 1870/71 bei der Feldpost 1870/73 und in Elsass-Lothringen, Schriftenreihe Arge NDB, Nr. 39, Lohmar 1994, S.12ff.
Schellenberg, Josef: Die mobilen Feldpostanstalten im Kriege gegen Frankreich 1870/71 und während der Besatzungszeit, Köln 2003, S. 275f.

This post has been edited 3 times, last edit by "Pälzer" (Apr 14th 2018, 1:39pm)


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525

Saturday, April 14th 2018, 2:35pm

Hallo Pälzer,

ui - vielen Dank; ich hatte bisher noch nie einen offenen Brief in diesem Zusammenhang in Händen und dachte zuerst, dass es ein Schmuggelbrief sein könnte, aber das hat sich dank deiner Interpretation jetzt erledigt.

Super Beitrag!
Liebe Grüsse vom Ralph

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526

Saturday, April 14th 2018, 2:52pm

Hallo bk,

...:thumbup: ...und um die Sache "rund zu machen" anbei noch Ziffer 3 des o.a. Circulars des Oberpostdirektors Dr. Rosshirt vom 10. September 1870:

Die Briefe müssen unverschlossen zur Post geliefert werden, und die Postanstalt hat solche Sendungen, deren Inhalt irgendwie die Interessen der Hohen deutschen Verbündeten oder ihrer Heere gefaehrdent erscheinen könnte, nicht zu befoerdern oder zu bestellen, sondern an mich einzusenden. Diese Einsendung hat, auch wenn der Inhalt unbedenklich erscheinen sollte, bei allen in den noch nicht besetzten Gebieten Frankreichs aufgegebenen Briefen, Drucksachen (insbesondere Zeitungen) und Waarenproben zu geschehen. Ich werde alsbald das Weitere veranlassen.

Ich glaube spannender geht`s kaum noch...

+ Gruß

vom Pälzer

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527

Saturday, April 14th 2018, 3:30pm

Hallo Pälzer,

sehr interessant und vielen Dank dafür!

Also von Briefgeheimnis keine Rede mehr - Krieg eben.

Diese VO setzt aber voraus, dass Deutsche diese Briefe alle lesen (können) mussten und ich kann das nicht, weil ich nur 1 Jahr Schulfranzösisch hatte, leider! Da müssen damals aber bessere Kenntnisse gefragt gewesen sein, sonst hätte das Ewigkeiten gedauert, um heraus zu finden, ob der Inhalt nicht koscher war.
Liebe Grüsse vom Ralph

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528

Saturday, April 14th 2018, 5:40pm

Neues zur Metzer Ballonpost ?

Hallo bk,

französisch war ja seinerzeit in höheren Kreisen (noch) Pflicht, so dass ich denke, dass es da u.a. auch genügend höher gestellte Postbeamte gegeben hat, die den Job unschwer haben erledigen können.

Nebenbei ist mir bei der Rechereche zum o.a. Thema völlig per Zufall ein schier unglaublicher Artikel im Tagebuch des deutsch-französischen Krieges über den Weg gelaufen. Dem sei zum allgemeinen Verständnis zunächst folgendes vorausgeschickt:

Viele hier werden das glorreiche Kapitel der ballon montés der französischen Post während der Belagerung von Paris kennen und wissen, dass es auch einige davon gegeben hat, die sich über feindliches Gebiet, sprich über deutschen Boden verirrt haben und die erbeutete Post der deutschen Zensur überstellt wurden (bspw. Belege der Ballons LA VILLE DE PARIS und LE GÉNÉRAL CHANZY).

Weniger bekannt ist die "Vorläufergeschichte" der Metzer Ballonpost auch Papillons de Metz genannt. Das waren kleine mit Rizinusoel und Kollodium getränkte Papierballone, die vom einem franz. Stabsarzt namens Dr. Papillon entwicklelt worden waren, zum ungesteuerten Ausfliegen von Briefpost während der Belagerung von Metz im September 1870.

https://de.wikipedia.org/wiki/Metzer_Ballonpost
https://fr.wikipedia.org/wiki/Papillon_de_Metz

Diese "Vorläufer-Episode" der französischen Ballonpost fand also zwischen 6. und 14. September 1870 mit nicht sonderlich viel Erfolg statt. Dass von diesen wenigen, kleinen Ballons aber auch einer (sogar) über deutschen = feindlichen Boden mit Briefpost abgedriftet und niedergegangen ist, war mir jedenfalls so noch nicht geläufig.

Im Tagebuch des deutsch-französischen Krieges (Seite 2085) findet man das aber eindeutig belegt, mit einem Zitat aus der Karlsruher Zeitung, nach jener ein solcher Ballon um den 10. September 1870 bei Oberwittstadt (Amt Boxberg) mit Briefpost niedergegangen ist; siehe nachstehende Quelle, gleich oben links:

http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd…ageview/4634662

Ich habe natürlich sogleich die mir hierzu zur Verfügung stehende - spärliche - Primärliteratur nochmal durchgelesen, von einem Niedergang eines Papillion de Metz mit französischer Briefpost "on board" über deutschen Boden ist nirgends die Rede. Ein neues Kapitel in der Postgeschichte ?

+ Gruß !

vom Pälzer

This post has been edited 1 times, last edit by "Pälzer" (Apr 14th 2018, 6:03pm)